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Juli

Levels of Livinig Waters

29.06.23 - 09.07.23

Das Wasser fließt, wie die Dinge manchmal fließen, wenn sie sich in Fluss begeben, sich unter der Oberfläche verbergen und dann wieder auftauchen, als sei nichts gewesen. Es rauscht, es plätschert, es durchzieht den Palace, lässt sich auf der Zunge schmecken, mit der Haut erfühlen. Glas gewährt den Blick ins Innere, wo sich Raum für Gedanken, Hoffnungen, Träume wie Ängste findet. Ähnlich dem von Fenstern eingefassten Wasser, das mittels Pumpen vom Grund sich löst, nur um dann als vertikales Gefälle zum Ursprungsort zurückzuwandern. Aus fluidem Stoff gewebter Schleier bildet die formale Entsprechung zu den umgebenden Scheiben, ist wie der Palace selbst geöffnet und geschlossen.

Auf dem Wasser fließen nachts bewegte Bilder, eins ins andere, scheinbar ohne Kontext und Zusammenhang. Leblose Körper ruhen am Ufer wie angespült, ein Neugeborenes wird mit Wasser übergossen, ein Spielzeugtankwagen ist auf Grund gelaufen – „Alles super“. Augenblicke, die nichts gemeinsam haben – außer Wasser. Es ist das verbindende Etwas. Immer schon siedelten Menschen an Flüssen, an Seen, am Meer, obwohl sich das Wasser schnell vom Sehnsuchtsort zum Schreckensszenario verändern kann: Es rettet Leben auf durstiger Zunge, es nimmt Leben im Wechsel der Wellen. Alles Sein auf Erden entspringt ihm; Kinder werden sprichwörtlich aus dem großen Teich gehoben. Doch nichts hilft, wenn Strömungen unter die Oberfläche ziehen, der Mensch sich vom Grund nicht mehr abstoßen kann, sich in tiefster Dunkelheit verliert.

Cristiana Cott Negoescu hat einen Wasserfall im Palace installiert, die Augen der Betrachter*innen geflutet. Stets sind es dieselben Wassermassen, welche die Pumpen in endloser Schleife nach oben heben und durch ihre Öffnungen wieder nach unten lassen. Repetition ist ein Kennzeichen von Arbeiten der in Bukarest geborenen Künstlerin. Nach ihrem Studium an der University of Lincoln wechselte sie an die Kunstakademie Düsseldorf, machte im vergangenen Jahr ihren Abschluss als Meisterschülerin bei Dominique Gonzalez-Foerster. Dabei arbeitet sie hauptsächlich performativ, widmet sich jedoch zusätzlich in Video und Fotografie sozial-politischen sowie spirituellen Fragestellungen. In der vom Palace ersten ausgeschriebenen Artist Residency betrieb Negoescu künstlerische Forschung mit Wasser, experimentierte mit dessen Kräften: Wie verhält sich das Wasser, wenn es durch Hände fließt, sich um Körper legt, vom Fließen ins Fallen wechselt?

Nichts ist schärfere Waffe als Wasser, wenn es unter größtmöglichem Druck stehend selbst Diamanten durchbricht. Stark oder weniger stark kann sich das fallende Wasser auf die Umgebung auswirken, kühlt den Raum ab, verändert auch die umstehenden Wachsfiguren. Versprengte Tropfen hängen in der Luft, benetzen die weichen Oberflächen. Werden die wächsernen Körperteile in ihrer Form erhalten bleiben oder es dem Wasser gleichtun, zu abstrakten Formen schmelzen, gar lautlos auf dem Grund versiegen? Das fallende Wasser setzt Energie frei, reflektiert prismatisch das Licht. Reibung elektrisiert die Luft. Doch nicht nur physisch übt Wasser Kraft aus, sondern auch auf geistiger Ebene.

Kaum etwas ist mythologisch so dicht umsponnen wie das Wasser, wenn wir vom Brunnen sprechen, der ewige Jugend verheißt oder Märchen sich um das Wasser des Lebens ranken. Religiös aufgeladen wird ein Neugeborenes mit der Taufe dem Glauben zugehörig, die Gläubigen mit Weihwasser gesegnet. In Russland werden zu Beginn eines jeden Jahres sogar Eislöcher in Form von Kreuzen gesägt, so versuchen sich Gläubige zu Ehren der Taufe von Jesu Christi von ihren Sünden reinzuwaschen. Über religiöse Grenzen hinweg dient Wasser auch der Reinigung von Körper und Geist beispielsweise in Form von Thermalquellen oder Eisbädern. Ob heiß oder kalt, es zieht Menschen magisch an, kann Orte umdeuten, wie es jüngst am Kölner Ebertplatz geschah (der Unort sollte zugemauert, mit Beton versiegelt werden, doch ein Brunnen wandelte den Platz,

zog Familien mit Kindern an).

Was uns scheinbar unendlich zur Verfügung steht, wird tatsächlich knapp, wenn sich das Klima zunehmend erhitzt. Stehen ohnehin nur 0,3 % der weltweiten Wasservorräte als Trinkwasser zur Verfügung, werden diese durch Verschwendung und Verschmutzung noch verringert. Fällt zusätzlich kein Regen, geraten Trinkwasserversorgung, Landwirtschaft und Industrie schnell in Bedrängnis. Schon jetzt entwickelt sich Wasserknappheit in niederschlagsarmen Ländern regelmäßig zu Wasserkrisen. Ist also wirklich „Alles super“ oder ist das Schiff schon auf Grund gelaufen?

Verschiedene Ebenen des Lebenselixiers werden im Palace anhand des Wasserfalls, der in der Natur oft treppenartige Kaskaden ausbildet, sichtbar. Die Betrachter*innen spiegeln sich beim Blick durch die gläserne Front, wie sich der Schleierfall gleichsam in ihnen spiegelt.

Sind wir doch selbst fließende Wesen, wenn wir zu 70 Prozent aus lebendigen Wassern bestehen.

Artist: Cristiana Cott Negoescu

Text: Julia Stellmann

Foto: Christian Ahlborn

Plakat: RUNNING WATER

Die Ausstellung wird gefördert durch:

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